Centaur Design
Erforschung der Ko-Kreation zwischen Kindern und Text-zu-Bild-KI-Modellen in der Designforschung.

Mensch & KI
Mit künstlicher Intelligenz als nächster Herausforderung im Designprozess stellt sich die Frage, wie zukünftige Designer*innen und KI koexistieren werden. Kunst und Kultur scheinen kein Optimierungsproblem zu sein. Besonders als Designstudent interessierte mich, wie man diese Technologien als Werkzeug einsetzen kann.
Kollaboration
Anstatt Angst und Ablehnung wollte ich herausfinden, wie einige dieser Tools in einem kreativen Prozess verwendet werden können. Es wurde klar, dass produktive Zusammenarbeit ein Umdenken vom Bild der KI als Gegner hin zu kollaborativen Modi erfordern würde. Neben dem Klischee der KI, die Menschen ersetzt, gibt es andere Theorien darüber, wie KI und Menschen koexistieren können. Ein spannender Ansatz ist der »Centaur«-Ansatz, bei dem Menschen und Maschinen ihre besten Eigenschaften einbringen.

Centaur Design Experiment
Der Centaur-Approach entstand, als Garri Kasparov 1997 ein Schachturnier gegen IBMs Deep Blue verlor. Anstatt sich als menschlicher Schachspieler ersetzt zu fühlen, sah er eine neue und aufregende Form des Schachs entstehen, bei der Maschinen und Menschen die besten Eigenschaften teilen. Um kollaborative Modi zwischen Menschen und KI in einem designbezogenen Kontext zu erforschen, untersucht dieses Experiment diesen Ansatz in einem Designprozess. In diesem iterativen Prozess, der speziell für Kinder konzipiert ist, arbeiten Menschen und KI zusammen, um Spielzeug zu entwerfen.
Cody
Am Anfang wird ein Kind gebeten, Informationen (Text, Skizze, Material) über sein gewünschtes Spielzeug zu geben. Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Cody«, zeichnet einen Roboter und beschreibt ihn so:
»Er ist ein Roboter, er kann werkeln, er hat viele verschiedene Werkzeuge. Er entwickelt menschliche Emotionen und kann Menschen retten. Er kann schwimmen und so viele Dinge.«

Die Informationen aus Skizze, Text und Materialwahl dienten als schriftlicher Input für ein Text-zu-Bild-Modell (BigSleep von Ryan Murdock), um einen ersten Entwurf des Spielzeugs zu generieren. Es ist interessant, wie Elemente der Geschichte des Kindes den Entwurf von Cody maßgeblich beeinflussen. Das neuronale Netz »BASNet« schneidet dann den Hintergrund aus.

Zwei Modelle, die darauf trainiert sind, Bilder in Skizzen umzuwandeln (Artline & Photosketch), werden nun mit den maskierten Bildern gefüttert. Die Ergebnisse werden zu einer Vorlage-Skizze weiterverarbeitet und dem Kind gezeigt.

Das Kind muss nun das Bild beschreiben und die angenäherte Skizze vervollständigen.
»Ich kann einen halbfertigen Roboterhund sehen. Ich kann nur ein Bein sehen. Einen Kopf. Einen halbfertigen Körper. Ein seltsames Horn.«
Aus Text und Skizze erhalten wir eine Definition der Geometrien sowie eine strukturierte Anatomie, markante Gesichtselemente und eine Art Horn. Zusätzlich bekommen wir ein neues Element: die Antenne/Schwanz. Cody begann als klare Erzählung und grobe Skizze. Durch den Einsatz von KI-Kollaborateur*innen entstand ein Charakter, der die Geschichte mit emotionalen Eigenschaften und verschiedenen Werkzeugen unterstützt.


Girl Sherwoled
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Girl Sherwoled« und zeichnet ein Auto mit stereotypisch femininen Eigenschaften. Es beschreibt es so:
»Es kann fahren, leuchten und sprechen.«

Nach Durchlaufen des beschriebenen Prozesses muss das Kind nun das farbige Bild beschreiben und die angenäherte Skizze vervollständigen.
»Ich kann sehen, dass es klein und nicht groß ist. Ich kann sehen, dass die Front groß und der Heck klein ist.«
Die ursprünglich von der KI entfernten geschlechtsspezifischen Designelemente werden zurückgebracht, indem das ganze Auto in ein sattes Pink getaucht wird. Das vermeintliche Kreuz wurde als Chevrolet-Logo umgesetzt, was dem Namen »Sherwoled« mehr Sinn verleiht. »Girl Sherwoled« ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Vorurteile der beteiligten Designparteien das Design beeinflussen können.

Tesy
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Tesy« und zeichnet eine Skizze, die ein Tier zeigt, das wie eine Mischung aus Katze, Schwein und Einhorn aussieht. Das Kind beschreibt Tesy folgendermaßen:
»Sie kann sprechen und sie ist sehr flauschig und süß. Manchmal macht sie Geräusche wie: ›Ich bin hungrig!‹ Oder: ›Ich will tanzen und Musik hören.‹«

Nach Durchlaufen des beschriebenen iterativen Prozesses muss das Kind nun das farbige Bild beschreiben und die angenäherte Skizze vervollständigen.
»Ich kann einen Delfin sehen. Er hat schwarze Augen und eine spitze Nase.«
Hier werden Bewegungsrichtung und Farbschema definiert. Zusätzlich gibt uns das Kind die Information, dass »Tesy« wahrscheinlich eine Art Delfin ist. »Tesy« begann als Spielzeug mit vertrauter Ästhetik. Durch den kollaborativen Prozess mit der KI entstand ein einzigartiger und charismatischer Charakter.

Robot Luxi
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Robot Luxi« und zeichnet einen klassischen Roboter mit großen Flügeln und einigen Tomaten auf dem Boden. Es beschreibt ihn so:
»Er kann fliegen und er hat viele Tomaten.«

Nach Durchlaufen des beschriebenen iterativen Prozesses muss das Kind nun das farbige Bild beschreiben und die angenäherte Skizze vervollständigen.
»Ich kann einen Roboter-Schmetterling mit vielen hellen Farben sehen.«
Die interessante Geometrie, die nur aufgrund des Inputs generiert wurde, dass »Robot Luxi« viele Tomaten haben sollte, wurde vom Kind ignoriert und mit violetter Farbe ergänzt. Das ansonsten problematische Kommando- und Kontrollverhalten, das menschliche Befehle fraglos ausführt, wird hier als Designwerkzeug eingesetzt, das zu spannenden Geometrien bei »Robot Luxi« führt.

Ausstellung
Für die Ausstellung beim Angewandte Festival 2021 wurden vier A1-Poster mit Projektinformationen gedruckt. Die Spielzeuge wurden auf maßgefertigten Sockeln platziert und durch ebenfalls maßgefertigte Lampen inszeniert. Die Poster entstanden in Zusammenarbeit mit Lucy Li.




Fünf Centaur Design Patterns
Nach dem Experiment wurde klar, dass Designer*innen häufiger mit KI zusammenarbeiten werden. Deshalb machte ich mich daran, die ersten fünf Centaur Design Patterns zu schreiben. Einfache Muster und Hinweise, die Designer*innen beim Arbeiten mit KI beachten sollten.
1. Kenne deine Kollaborateur*innen
Informiere dich gut über die verwendeten Technologien. Behandle deine KI-Kollaborateur*innen mit Respekt und schätze ihre Beiträge. Zu wissen, woher sie kommen (Datensätze, Trainingsmethoden usw.) und wie ihre Produktionsmittel aussehen (Open Source, kommerziell, gemeinnützig usw.), hilft bei produktiver Zusammenarbeit.
2. Vertraue dem Prozess
Denke nicht: »Was soll das?«, »Das macht keinen Sinn« oder »Ich kann nichts darin erkennen«. Bleibe offen für die Möglichkeiten, die dein kollaborativer Prozess eröffnet. Schließe nicht zu früh ab. Kannst du die kreativen Wendungen und neuen Vorstellungsweisen erkennen, die entstehen?
3. Feiere eure Unterschiede
Während KI Zugang zu riesigen Datenmengen hat und diese schnell verarbeiten kann, bringst du menschliche Intuition, Vorstellungskraft und Kreativität mit. Feiere diesen Unterschied, profitiere davon. Gebt einander die Freiheit, euer Bestes einzubringen. Kann der Prozess von diesen Unterschieden profitieren?
4. Kläre deine ethischen Positionen
Jede*r und jede Entität bringt Vorurteile mit. Erkenne an, dass diese Vorurteile vorhanden sind. Halte deinen Prozess offen und transparent. Deine KI-Kollaborateur*innen müssen die Ursprünge ihrer Entstehung teilen. Du hingegen – kannst du über deine eigenen Vorurteile reflektieren?
5. Wer hat das letzte Wort?
In jedem lohnenden, hochiterativen Prozess müssen immer viele Entscheidungen getroffen werden. Auch in deiner Centaur-Partnerschaft. Wenn du mit einer KI zusammenarbeitest, bist du in einem kollaborativen Prozess engagiert, in dem du auch Verantwortung trägst. Sind die Entscheidungen, die du triffst, ethisch und im besten Interesse deiner Mitmenschen?

Prozess
Die additiv hergestellten Kunststoffkörper wurden gefüllt und grundiert. Anschließend wurden mehrere Farbschichten und ein Klarlack aufgetragen. Das von mir installierte Stecksystem erleichterte die Montage.


Credits
Für dieses Projekt wurde ich unterstützt von: Viviane Freismuth-Wohlfarth, Max Kure, Lucy Li, Selma Mühlbauer, Julian Paula, Florian Semlitsch, Elizabeth Sharp, Valentina Sturn und dem ID2 / DI Team an der Universität für angewandte Kunst Wien.