Valhelmland
Entwicklung einer visuellen Sprache, die Wien und Göteborg über gemeinsames Erbe verbindet – Röhsska Museum.

Valhelmland
Im Sommer 2025 bezogen zehn Designer·innen aus Wien Quartier auf der kreativen Insel Super Ö im Röhsska Museum und verwandelten sie in Valhelm – ein temporäres Zuhause, wo sie erforschten, wie neue Umgebungen die Designpraxis beeinflussen. Zwei Monate lang wurde das Museum zur Werkstatt und Inspiration, beherbergte sich wandelnde Kollaborationen und neue Artefakte.
Das Val in Valhelm – sowohl »Wahl« als auch »Wal« bedeutend – inspirierte einen großen Wal-Pavillon, der als Szenografie und gemeinsamer Arbeitsplatz diente und Wien mit Göteborg durch eine poetische architektonische Geste verband.
Zusammen mit Mia Meus und Blanka Wittmann gestalteten wir diesen Pavillon als Zuhause für die Designer·innen in Residence. Während meine Kolleginnen die Konstruktion entwickelten, konzentrierte ich mich auf die Materialbeschaffung, die Fertigung kleiner Bauelemente für das Insel-Setup und die Entwicklung der visuellen und typografischen Identität von Valhelmland.
Zwei Städte, zwei Wale
Um dieser Zusammenarbeit einen Rahmen zu geben, suchten wir nach Geschichten, die Wien und Göteborg verbinden könnten – durch Anekdoten, gemeinsame Geschichte oder Denkmäler, zu denen Menschen heute noch einen Bezug haben. Ehrlich gesagt fanden wir nicht viel. Dann stießen meine Kolleginnen auf den Malmska Valen – den einzigen präparierten Wal der Welt, der ausgerechnet in Göteborg steht. Schnell zogen wir die Verbindung zu Poldi, unserem eigenen »Museumswal« hier in Wien. Obwohl unserer aus Holz und Metall besteht, tragen beide Wale faszinierende Geschichten in sich, die sie schließlich in die Museen brachten, wo sie heute stehen.
Poldi
Im April 1951 staunten Wiener Passant·innen nicht schlecht, als sie eine Wal-Skulptur auf einem Tieflader durch die Stadt transportiert sahen. Poldi, wie er später genannt werden sollte, entstand in der kriegsbeschädigten Schwarzspanierkirche, gefertigt von Restaurator Alois Robert Mucnjak-Hochland und seinem Team. Das leere Kirchenschiff der zerbombten Kirche bot den einzigen Raum, der groß genug war, um das massive Holzskelett, die Beplankung und die Kupferblechhaut zu konstruieren. Nach Entwürfen der 25-jährigen Architektin Maria Benke schufen sie eine 1,37 Tonnen schwere Skulptur von so liebevoller Detailgenauigkeit, dass Jahrzehnte später Restaurator·innen über die Handwerkskunst staunen würden.[1]

Ursprünglich über dem Eingang des Prater-Biergartens »Zum Walfisch« montiert, wurde Poldi zu einem geliebten Fixpunkt der Wiener Alltagskultur. Die Wiener·innen feierten Kommunionen, Matura und Geburtstage unter ihm, während aus seinem Blasloch Wasserfontänen sprühten. Als das Lokal 2013 schloss, rettete der türkisch-österreichische Abriss-Unternehmer Güner Ayaz ihn vor dem Schrottplatz. Nach umfassender Restaurierung wurde Poldi 2022 erneut transportiert – diesmal ins Wien Museum am Karlsplatz, wo er seither als Maskottchen des Museums fungiert.

Malmska Valen
Im Oktober 1865 strandete ein junger männlicher Blauwal bei Göteborg. Tierpräparator August Wilhelm Malm konservierte ihn vollständig. Die aufklappbaren Kiefer gaben den Blick frei auf das Innere, mit Tapeten und Holzbänken, in das Besucher·innen eintreten konnten. Als der Wal durch Europa tourte, entstanden Gerüchte. Geheime Feiern in seinem Bauch. Romantische Begegnungen in der Dunkelheit. Die hartnäckigste Geschichte: ein Paar, das »beim Liebesspiel« erwischt wurde, woraufhin der öffentliche Zugang in den 1930ern beendet wurde.[2] Das Personal, welches für den Wal im Naturhistorischen Museum Göteborg zuständig zeichnet, gibt zu, dass das meiste davon Legenden sind. Dennoch referenziert unser Wal diese Geschichten, da sein Inneres mit einem langen Tisch gefüllt ist, welcher den Bauch in einen Raum kreativer Arbeit verwandelt.
Visuelle Identität
Ein Recherche-Trip in Wiens Prater lieferte die visuelle Richtung. Die Vintage-Karussells, von Jahrzehnten des Gebrauchs gezeichnet, offenbarten ein ästhetisches Universum: märchenhaft und doch kantig, nostalgisch und doch seltsam liminal. Ihre handgemalten Beschriftungen, ornamentalen Rahmen und verblasste Grandezza sprachen eine Sprache zwischen Märchen und Fiebertraum. Ich skizzierte eine wellige Rotunda-Fraktur-Headline-Schrift. Die resultierende Typografie wurde, wie diese Fahrgeschäfte selbst, zu einem Vehikel, das Betrachter·innen in einen verzauberten Ort transportiert.

Poster-Exploration
Neben unserem Wal brachten wir auch Poldis Geschichte ins Göteborger Röhsska Museum. Das Wien Museum stellte erstaunliches Filmmaterial von Bergen-Portisch zur Verfügung, das Poldis Entstehung in der zerbombten Kirche dokumentiert. Ich kombinierte dieses Archivmaterial mit den Rotunda-Buchstaben und schuf Kompositionen, die atmosphärisch und historisch gewichtig wirkten. Doch das Ergebnis erwies sich als zu dunkel, fast verstörend, irgendwie Robert Eggers. Die Stimmung war überzeugend, aber nicht das Richtige für diesen Fall.
Da die Ausstellung zu einem lebendigen, kollaborativen Arbeitsplatz werden sollte, wo Designer·innen ihre Arbeiten produzieren und präsentieren, schwenkte ich zu Leichtigkeit um. Ich versuchte es mit einer Flohmarkt-Ästhetik: verspielt, geschichtet, zugänglich. Doch dieser Ansatz fiel durch. Den Kompositionen fehlte Tiefe und sie vermittelten nicht die räumliche Qualität, die wir uns vorstellten; etwas, das auf die physische Erfahrung des Hineintretens hinwies.
Finaler Entwurf
Der finale Entwurf orientierte sich an einer unserer frühesten Skizzen für das Wal-Zelt. Anfangs erforschten wir verschiedene Ansätze für eine solch massive Struktur aus leichten, überzeugenden und hochgradig minimalen Materialien, die auch einfachen Transport ermöglichen würde. Ein Konzept beinhaltete geschichtete, hängende Stoffstücke, die, ähnlich einer MRT-Aufnahme, den inneren Tunnel des Wals formten. Diese Schichten, kombiniert mit den typografischen Elementen, schaffen eine mystische Atmosphäre, die Besucher·innen einlädt, sich im Ausstellungsraum zu verlieren.

Wa(l)l-Texte
Durch die Kombination der gezeichneten Buchstabenformen mit einer klaren Grotesk und das Schneiden der finalen Typografie in Vinylschnitt-Folie übertrugen wir die visuelle Identität direkt in die Ausstellungsumgebung. Das grafische System wurde zu einem integrierten Teil der Installation, anstatt eine separate Ebene zu bleiben, die nur auf Instagram und Postern existiert.

Credits
Valhelmland war ein Projekt von Design in Gesellschaft, einem Verein zur Förderung der Rolle von Design als kulturelle Praxis. Es wurde finanziert vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport der Republik Österreich sowie der Österreichischen Botschaft in Schweden. Kuratierung: Anna Hydén (Röhsska Museet), Produktion: Jessica Andersson Sjögerén (Röhsska Museet), Technik: Stefan Törner (Röhsska Museet), Design: Mia Meus, Leo Mühlfeld, Blanka Wittmann, Designer·innen vor Ort: Rimon Alyagon Darr, Franz Ehn, Lino Gaspartisch, Sophie Falkeis, Mia Meus, Leo Mühlfeld, Johanna Pichlbauer, Julia Schwarz, Blanka Wittmann, Márton Zalka.