AI the Scientist
Gestaltung einer interaktiven Installation zu KI-Proteinforschung und AlphaFold für das VISTA Science Experience Center, 2025 — den wissenschaftlichen Wandel begreifbar machen.
Was bedeutet KI für die Forschung?
Die Proteinforschung hat sich still und heimlich verwandelt. KI-Tools wie AlphaFold berechnen heute in wenigen Stunden Molekülstrukturen, für die einst jahrzehntelange Laborarbeit nötig war. Doch die Wissenschaft bleibt abstrakt, die Werkzeuge unsichtbar, die Auswirkungen schwer fassbar. Das VISTA Science Experience Center beauftragte uns, diesen Wandel für Besucher·innen begreifbar zu machen.
Das Abstrakte verkörpern
Die zentrale Gestaltungsherausforderung zeigte sich sofort: Wie verleiht man künstlicher Intelligenz eine physische Form, ohne in abgedroschene Metaphern oder sterile Visualisierungen zu verfallen? Wir begannen unseren Prozess mit Gesprächen mit den Wissenschaftler·innen selbst.

Begegnung mit den Wissenschaftler·innen
Unsere Zusammenarbeit begann mit ausführlichen Interviews mit den Forschern Alex Bronstein und Florian Praetorius sowie Besuchen in ihren Labors. Diese Gespräche zeigten, wie der Alltag von Spitzenwissenschaftler·innen tatsächlich aussieht – wie sie diese Tools wirklich nutzen und entwickeln, wo ihre Arbeit missverstanden wird und welche Ängste und Hoffnungen sie umgeben.
Basierend auf diesen Erkenntnissen entwickelten wir Wireframes in enger Zusammenarbeit mit Alex und Florian. Frühe Skizzen testeten wir gegen die Realitäten ihrer täglichen Arbeit und verfeinerten sie durch laufende Feedback-Runden, um sicherzustellen, dass das Design authentisch ihre Denk- und Arbeitsweise widerspiegelt.
Interface Design Philosophie
Das UI-Design musste die duale Natur der Proteinforschung widerspiegeln: organisch und rechnerisch zugleich. Wir entwickelten eine visuelle Sprache, die die Farben der »Aminosäuren« in unseren digitalen Interfaces spiegelt und eine unmittelbare Verbindung zwischen der molekularen Welt und ihrer digitalen Darstellung schafft.
Das Physische konstruieren
Von unseren ersten Skizzen an war klar: die Installation braucht etwas Greifbares. Etwas, das Besucher·innen beobachten, verfolgen, fast vorhersagen und dann wieder verlieren können. Die Kugelbahnen... ein kleines konstruiertes Ökosystem. Jede Bahn, gebaut aus einem handelsüblichen System, läuft auf maßgeschneiderten aktiven Komponenten. Der Code schafft dann einen kontinuierlichen Dialog zwischen Physischem und Digitalem – drei Bahnen verkörpern drei verschiedene Ansätze wissenschaftlicher Forschung.
Vor der KI: Perutz und das handgebaute Hämoglobin
Bevor künstliche Intelligenz die Molekularforschung revolutionierte, verbrachten Wissenschaftler·innen wie Max Perutz Jahrzehnte damit, Proteinstrukturen manuell zu kartieren. Seine Arbeit am Hämoglobin erforderte mühsame kristallografische Analysen und den Bau physischer Modelle, Atom für Atom. Dieser methodische, fast handwerkliche Ansatz zum Verständnis der Maschinerie des Lebens liefert den wesentlichen Kontext, um KIs revolutionäre Auswirkungen zu schätzen.

Strukturelle Transparenz
Unser Interface zeigt die fundamentalen Elemente der Proteinstruktur: Die Ketten, die sortiert werden müssen, stehen für die konstruktiven Beziehungen zwischen Komponenten. Jedes Element ist sichtbar, nachverfolgbar, verständlich.

Die Kugelbahn spiegelt diese Philosophie durch vollständige Transparenz wider. Jede Bewegung ist nachverfolgbar, langsam und bewusst, sodass Besucher·innen jeden Entscheidungspunkt verfolgen und die zugrundeliegende Logik verstehen können.
Machine Learning betritt die Bühne
Machine Learning verändert den wissenschaftlichen Prozess grundlegend. Systeme wie Rosetta und andere rechnerische Tools verlagern die Forschung von sorgfältigen, individuellen Beobachtungen zu massiver Parallelverarbeitung. Die Auswirkungen gehen weit über Effizienz hinaus: Sie stellen unser Verständnis davon in Frage, wie Entdeckungen passieren.
Generative Raster
Unser Interface reflektiert diese Transformation durch generative Raster, die Iteration, Vielfalt und Wiederholung zeigen, dabei aber ein Gefühl von Organisation bewahren. Das UI bewegt sich schnell, verarbeitet große Zahlen, behält aber immer visuelle Kohärenz – es spiegelt wider, wie Machine Learning Forschung beschleunigt und gleichzeitig neue Formen wissenschaftlichen Verständnisses schafft. Das System demonstriert, wie KI nicht nur bestehende Prozesse beschleunigt – sie schafft völlig neue Denkweisen über molekulare Beziehungen.

Die Kugelbahnen verkörpern diese Beschleunigung durch Tunnel, selbstfaltende Pfade, elektrische Schalter und mehrere simultane Routen. Das physische System wird zur Metapher für KIs Fähigkeit, viele Möglichkeiten gleichzeitig zu erkunden, sich in sich selbst faltend wie die Proteine, die es entwirft.
Drei spekulative Zukünfte
Was nun? Wie wird sich die Zukunft »entfalten«? ;-) Als spekulative Designer·innen entwickelten wir drei verschiedene Perspektiven, durch die Besucher·innen mögliche Zukünfte erkunden können. Jedes Szenario präsentiert unterschiedliche Beziehungen zwischen Menschen, KI und wissenschaftlicher Entdeckung und lädt zur Betrachtung ein, anstatt definitive Antworten zu geben.

1. KI als Wissenschaftler·in
In dieser Zukunft entwirft künstliche Intelligenz schneller als jeder Mensch und löst Probleme, die wir nicht mehr vollständig verstehen. Der wissenschaftliche Fortschritt beschleunigt sich, aber seine Logik wird in Maschinenprozessen verborgen. Die fundamentale Frage entsteht: Was passiert, wenn die Antworten für Menschen unlesbar werden?
Wie bleibst du neugierig, wenn die Antworten unlesbar sind?


2. Symbiotische Zusammenarbeit
Das Szenario symbiotischer Zusammenarbeit stellt sich vor, wie KI die rechnerische Schwerstarbeit übernimmt – flüssige Systeme, Ökosysteme, ganze Netzwerke mikrobiellen Lebens. Aber von Menschen gebaute Tools riskieren, die Welt nach unserem Bild zu formen. Die kritische Frage wird: Können wir mit der Natur bauen, nicht über sie hinweg?
Können wir mit der Natur bauen, nicht über sie hinweg?

3. Biohacking-Chaos
Im letzten Szenario werden KI-Tools für alle mit Open-Source-Zugang freigeschaltet, remixt und umgestaltet. Innovation explodiert, aber auch die Risiken. Die Demokratisierung mächtiger biologischer Design-Tools wirft dringende Fragen zu Governance und Verantwortung auf. Was züchtest du in einer Welt ohne Regeln?
Was züchtest du in einer Welt ohne Regeln?

Das Interface präsentiert dieses Szenario mit entsprechenden Visuals und deutet sowohl das kreative Potenzial als auch die inhärenten Gefahren uneingeschränkten Zugangs zu KI-gestütztem biologischen Design an.
Das Kugelbahnsystem kulminiert in einem buchstäblichen Kegel – einem Trichter, der die expandierenden Möglichkeiten und zunehmende Ungewissheit repräsentiert, je weiter wir uns in KI-getriebene Zukünfte bewegen.
Unsere Beziehung zur KI
Die Installation integriert alle Elemente: Kontext, zeitgenössische Wissenschaft, spekulative Zukünfte und physische Interaktion zu einer kohärenten Erfahrung, die sowohl Verständnis als auch Reflexion einlädt.
KI ist keine Magie, sondern ein Werkzeug mit tiefgreifenden Auswirkungen. Indem wir abstrakte Konzepte in physischen Interaktionen und historischem Kontext verankern, schaffen wir dauerhafte Verbindungen. Gestaltete Erfahrungen wie diese fördern echtes Verständnis, indem sie multiple Formen von Intelligenz ansprechen: visuell, kinästhetisch, emotional und analytisch. Besucher·innen gehen nicht nur informiert, sondern verwandelt in ihrer Beziehung sowohl zur Wissenschaft als auch zur künstlichen Intelligenz.

Credits
Auftraggeber·in: VISTA Science Experience Center · Kurator·innen: Stephanie Kneissl, Florian Semlitsch, Theresa Steiner · Ausstellungsdesign: Nofrontiere Design GmbH · Design: Lucy Li, Leo Mühlfeld · Code: Alan Schiegl, · Technische Unterstützung: Alexander Hackl · Dank an: Quentin Bolsée, Alan Han


